Götz Kultursommer

Wir kommen früh an, weil die Information lautete, alles muß erst aufgebaut werden. Die Information war korrekt. Wir helfen, die Bühne aufzubauen, ein Podest mit einem aufblasbaren Luftkissenmonstrum, welches sich über das Podest wölbt und vor Regen schützen soll. Allerdings ist das Monstrum nicht mehr ganz neu, es hat viele Löcher und während der gesamten Veranstaltung muß das Gebläse laufen, damit es nicht zusammenfällt – ein „Lazy Sunday afternoon“ – Effekt ohne Small faces.

Wir stellen unser Zeug auf die Bühne und gehen Kaffee trinken. Das ganze Umfeld ist liebevoll gemacht: selbstgebackener Kuchen, Kaffee, Würstchen, Bier usw.. Es schenken aus: die Damen aus Götz. Dann gehen wir durch den Ort und suchen die Vergangenheit, die nicht mehr zu finden ist.

//Schnitt//

Götz Ende der 60er Jahre: Ein Mekka für Beat-Bands und Fans. Das Kreiskulturhaus, ein Gebäude, heute verschwunden, lag nahe an der Bahnstrecke, war also gut zu erreichen, und jedes Wochenende war Tanz. Hier spielte alles, was Rang und Namen hatte zwischen Berlin und Magdeburg. Wir waren dabei. Die Stimmung war immer ausgelassen und manchmal extatisch, es lag so ein Wochenendgeruch von Freiheit in der Luft (I´m free, I can do what I want). An den Montag dachte niemand („Monday morning is so bad“). Aber auch die AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte) war dabei und gar nicht freizügig. Es kam vor, daß jemand aus dem Publikum zu uns kam und sagte: „dahinten am Tisch sitzt jemand und schreibt die ganze Zeit“. Es war die Kontrolle, ob wir den vorgegebenen Prozentsatz mindestens 60% Ostproduktion und maximal 40% Westproduktion einhielten. Ja, lieber Gott, wo sollten denn die 60% Ost herkommen, vielleicht aus China? Also griffen wir zu unserer bewährten Taktik und spielten „Es steht ein Haus in New Orleans“ in der Fassung von Manfred Krug. Das war zwar ein Traditional aus den USA aber in der Krug-Fassung mit dem Apartheid-Text ging das als 60% durch. Wir spielten es einmal, die Leute tanzten. Dann spielten wir es zum zweiten Mal, jetzt wußten alle Bescheid. Wir spielten es zum dritten Mal und nun schauten die Tanzenden geschlossen auf den ungebetenen Schreiberling – bis der ging.

//Schnitt//

Wieder 2017. Vor uns ein paar unplugged spielende und angenehm singende Mädchen und eine druckvoll aufspielende Blues-Band in unserem Alter. Wir fühlen uns in guter Gesellschaft, dürfen alles spielen und das Publikum macht mit. Aber es wird immer kälter (Herbst eben), das Gebläse läuft und dann kommt auch noch jemand auf die Idee, feuchten Nebel über die Bühne zu blasen, was die Finger endgültig klamm macht. Als alles vorbei ist, bedankt sich der Melodiegitarrist der Blues-Band bei uns für seine Truppe, weil sie ohne Probleme und von unseren Technikern betreut mit über unsere Anlage spielen konnten. Und er sagt tatsächlich anerkennend, man merkt, daß ihr seit 50 Jahren zusammen spielt. Donnerwetter!

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